Überziehgeschwindigkeit, Dichtehöhe und der Sommerkiller
Die Vs0 (Überziehgeschwindigkeit, volle Klappen, Fahrwerk ausgefahren) deines Flugzeugs ist im POH als eine einzige Zahl angegeben — sagen wir 65 km/h. Diese Zahl gilt **auf Meereshöhe, bei 15°C, in trockener Luft**. An einem…
Die Vs0 (Überziehgeschwindigkeit, volle Klappen, Fahrwerk ausgefahren) deines Flugzeugs ist im POH als eine einzige Zahl angegeben — sagen wir 65 km/h. Diese Zahl gilt auf Meereshöhe, bei 15°C, in trockener Luft. An einem Sommernachmittag mit 35°C auf 4.000 ft Höhe überzieht dasselbe Flugzeug bereits bei 75 km/h. Die 10 km/h Differenz klingen nicht nach viel, doch sie verändern alles: Die Startrollstrecke verdoppelt sich, die Steigrate halbiert sich, die Dienstgipfelhöhe sinkt um Tausende Fuß, und die Reserve zwischen Anfluggeschwindigkeit und Überziehgeschwindigkeit wird unangenehm dünn. Die Dichtehöhe ist der unsichtbare Faktor, der aus einem vertrauten Flugzeug ein grenzwertiges macht. Das hier ist der praktische Leitfaden.
Was Dichtehöhe ist
Die Atmosphäre ist dichter, wenn sie kühler und trockener ist, weniger dicht, wenn sie wärmer und feuchter ist. Die Flugleistung hängt von der Luftdichte ab — der Motor atmet dichtere Luft, der Flügel erzeugt in dichterer Luft mehr Auftrieb, der Propeller greift besser.
Die Dichtehöhe ist die Höhe in der Standardatmosphäre (15°C auf Meereshöhe, abnehmend um 1,98°C pro 1000 ft), in der die Luft dieselbe Dichte hätte wie an deinem aktuellen Standort.
Wenn du auf 4.000 ft Höhe bei 35°C bist, ist die Luft viel weniger dicht als die Standardluft auf 4.000 ft (die 7°C hätte). Die Dichtehöhe könnte in diesem Fall 8.000 ft betragen — das heißt, dein Flugzeug verhält sich, als wäre es an einem Standardtag auf 8.000 ft.
Eine nützliche Faustformel: Dichtehöhe ≈ Platzhöhe + 120 × (OAT − ISA-Temperatur). Für einen Platz auf 4.000 ft an einem Tag mit 35°C:
- ISA-Temperatur auf 4.000 ft = 15°C − (1,98 × 4) = 7°C
- ΔT = 35°C − 7°C = 28°C
- DA ≈ 4.000 + (120 × 28) = 7.360 ft
Das sind grob 8.000 ft Äquivalenthöhe für Leistungsberechnungen.
Was das mit der Leistung macht
Drei Dinge verschlechtern sich ungefähr proportional zur Dichtehöhe:
- Startrollstrecke: verdoppelt sich alle ~6.000 ft DA-Anstieg
- Steigrate: halbiert sich alle ~5.000 ft DA-Anstieg
- Dienstgipfelhöhe: sinkt ungefähr um den DA-Zugewinn
Für eine Tecnam P92 Echo MkII auf Meereshöhe bei 15°C: Startrollstrecke ~250 m, Steigen ~1.000 ft/min, Gipfelhöhe 14.000 ft.
Dasselbe Flugzeug bei DA 8.000 ft (z. B. 4.000 ft Platzhöhe, 35°C):
- Startrollstrecke: ~500 m (doppelt)
- Steigrate: ~500 ft/min (halb)
- Effektive Gipfelhöhe: 6.000 ft über aktueller Position (statt 10.000 ft)
Wenn der Platz kurz ist (300 m Graspiste in einem Alpental) und die DA bei 8.000 ft liegt, kann das Flugzeug eventuell überhaupt nicht starten — unabhängig vom fliegerischen Können.
Was das mit der Überziehgeschwindigkeit macht
Die Überziehgeschwindigkeit als angezeigte Geschwindigkeit (IAS) bleibt ungefähr gleich, doch die wahre Geschwindigkeit (TAS) ändert sich mit der Dichtehöhe. Bei festem Gewicht und fester Konfiguration:
- Vs0 angezeigt bleibt bei ~65 km/h
- Vs0 als wahre Geschwindigkeit auf Meereshöhe = ~65 km/h
- Vs0 als wahre Geschwindigkeit bei DA 8.000 ft ≈ 75 km/h
Der Pilot liest 65 km/h auf dem Fahrtmesser ab, doch das Flugzeug bewegt sich tatsächlich mit 75 km/h relativ zum Boden (bei Windstille). Wichtige Konsequenzen:
- Reserve bei der Anfluggeschwindigkeit: typische Vref = 1,3 × Vs0 = 85 km/h IAS. Bei DA 8.000 ft sind das immer noch 85 km/h IAS, in Wahrheit aber 98 km/h TAS. Der Landeauslauf ist bei gleicher angezeigter Geschwindigkeit länger.
- Rotationsgeschwindigkeit beim Start: gleiche IAS, aber du beschleunigst langsamer dorthin, weil das Flugzeug in dünnerer Luft ist — weniger Propellerschub pro RPM, weniger Auftrieb pro AOA.
Die Sommer-und-Höhe-Falle
Die Kombination, die Piloten überrascht:
- Platzhöhe 1.000–4.000 ft (irgendwo im Bergland)
- Hochsommer-Nachmittag, OAT 30–40°C
- Schwacher Wind (kein Gegenwind-Vorteil)
- Voll beladenes Flugzeug (oder nahe MTOW)
Diese vier Faktoren addieren sich. Ein Flug, der unter kühlen Morgenbedingungen Routine ist, wird in der Nachmittagshitze grenzwertig.
Reales Beispiel: Eine Tecnam P92 Echo MkII startet von einer 600 m langen Graspiste auf 2.500 ft Höhe, MTOW (600 kg), 35°C, kein Wind, trockenes Gras.
- DA ≈ 2.500 + 120 × (35 − 10) = 5.500 ft
- Startrollstrecke auf Meereshöhe/15°C: 250 m
- Startrollstrecke bei DA 5.500 ft: ~360 m (44 % mehr)
- Verfügbare Bahn: 600 m
- Reserve: 240 m
Das reicht noch, doch verkürze die Bahn auf 400 m oder nimm einen 100-kg-Passagier dazu, und die Reserve verschwindet. Viele Startunfälle am Sommernachmittag passieren genau an diesem Punkt: Pilotenrechnungen aus dem kühlen Morgentraining überleben den Kontakt mit der sommerlichen Nachmittags-Dichtehöhe nicht.
Der Pre-Flight-Check zur Dichtehöhe
Vor jedem Flug im Sommer oder in der Höhe diesen 30-Sekunden-Check durchführen:
- OAT messen am Flugplatz (dein DG/EFIS zeigt sie an; oder das METAR des Platzes prüfen)
- Platzhöhe notieren (Karte, GPS oder aus dem Kopf)
- DA berechnen mit der Regel: DA ≈ Höhe + 120 × (OAT − ISA-Temperatur auf der Höhe)
- DA mit der publizierten Dienstgipfelhöhe deines Flugzeugs vergleichen, mit Reserve
Liegt die DA innerhalb von 5.000 ft der Dienstgipfelhöhe deiner Zelle, ist die Leistung grenzwertig. Liegt sie innerhalb von 2.000 ft, kannst du im Horizontalflug eventuell überhaupt nicht mehr steigen.
Für Alpenpiloten ist das tägliche Praxis — Plätze über 3.000 ft Höhe erreichen an Sommernachmittagen regelmäßig eine DA von 8.000+ ft. Die Regel "fliege am Morgen" ist im UL-Bergbetrieb universell.
Wie man die Dichtehöhe entschärft
Drei praktische Maßnahmen:
- Gewicht reduzieren: einen Passagier zurücklassen, weniger Treibstoff tanken (auf gesetzliche Mindestmenge + kleine Reserve), nicht-essentielle Fracht weglassen
- Auf kühlere Luft warten: im Sommer vor 09:00 oder nach 18:00 starten; Bergtäler kühlen nach Sonnenuntergang schnell ab
- Gegenwind: 10 kt Gegenwind verkürzen die Startrollstrecke um ~25 % — eine spürbare Reserve
Wenn keine dieser Maßnahmen greift und die DA hoch ist, starte nicht. Warte, verschiebe oder ändere das Ziel.
Anflug + Landung bei hoher DA
Die Dichtehöhe wirkt sich auch auf die Landung aus:
- Anfluggeschwindigkeit angezeigt ist dieselbe wie bei niedriger DA
- Wahre Geschwindigkeit ist höher, also auch die Geschwindigkeit über Grund
- Landeauslauf ist länger (mehr Energie abzubauen)
Für UL/LSA-Flugzeuge mit Vs0 von 65 km/h und 600–700 m Landeauslauf auf Meereshöhe plane bei DA 6.000 ft mit +30 % Landestrecke. Aus einer 300-m-Graspiste wird in deiner Rechnung eine 400-m-Graspiste.
Voliqos Planer
Im Planer zeigt das Wetter-Panel des Ziels OAT und Taupunkt an. Die Flugzeugauswahl enthält die Dienstgipfelhöhe. Der Planer berechnet die DA (noch) nicht automatisch, doch du hast die Eingangswerte:
- OAT aus dem Ziel-METAR holen
- Höhe aus den Flugplatzdetails holen
- DA im Kopf rechnen (oder mit dem Smartphone-Rechner)
- Mit der Gipfelhöhe des Flugzeugs vergleichen — wenn DA > Gipfelhöhe − 2.000 ft, plane mit grenzwertiger Leistung
Eine künftige Voliqo-Erweiterung: automatische DA-Berechnung und rote Markierung, sobald sie 80 % der Dienstgipfelhöhe des Flugzeugs überschreitet. Bis dahin liegt die Disziplin beim Piloten.
Fazit
Die Dichtehöhe ist der stille Leistungs-Killer im Sommerflug. Die Vs0, mit der du trainiert hast, wird an einem 35°C-Nachmittag in der Höhe zu einer anderen Zahl. Die Startrollstrecke verdoppelt sich. Das Steigen halbiert sich. Die Gipfelhöhe sinkt.
Die Gegenmaßnahmen:
- Vor jedem Flug im Sommer oder in der Höhe die DA berechnen
- Im Bergland am Morgen starten
- Gewicht reduzieren, wenn die DA hoch ist
- Nicht starten, wenn die DA dich nahe an die Dienstgipfelhöhe bringt
Erwischt werden die Piloten, die im Juli genauso fliegen wie im März. Die Atmosphäre interessiert sich nicht für deine Trainingserinnerung — sie interessiert sich für ihre aktuelle Dichte.