METAR entschlüsseln: ein 5-Minuten-Leitfaden für VFR-Piloten
Ein METAR ist eine Momentaufnahme des Wetters an einem Flughafen, kodiert in einem bewusst kompakten Format. Sobald Du eines lesen kannst, kannst Du jedes METAR weltweit lesen — das Format ist international standardisiert. Die schlechte…
Ein METAR ist eine Momentaufnahme des Wetters an einem Flughafen, kodiert in einem bewusst kompakten Format. Sobald Du eines lesen kannst, kannst Du jedes METAR weltweit lesen — das Format ist international standardisiert. Die schlechte Nachricht: ein METAR ist dicht; die gute Nachricht: für VFR-Piloten treiben nur vier Felder 90 % der go/no-go-Entscheidungen. Das ist der praktische Leitfaden.
Ein echtes Beispiel, entschlüsselt
Hier ein echtes METAR von LIRP (Pisa) um 14:50 UTC:
LIRP 141450Z 24008KT 9999 FEW025 SCT100 17/09 Q1018 NOSIG
Von links nach rechts gelesen:
| Token | Bedeutung | |---|---| | LIRP | Station: Pisa, Italien | | 141450Z | Tag 14, Uhrzeit 14:50 UTC ("Z" = ZULU) | | 24008KT | Wind aus 240° mit 8 Knoten | | 9999 | Sichtweite 10+ km (das "M" in 9999 bedeutet "mehr als") | | FEW025 | Wenige Wolken in 2.500 ft | | SCT100 | Aufgelockerte Wolken in 10.000 ft | | 17/09 | Temperatur 17 °C / Taupunkt 9 °C | | Q1018 | QNH-Höhenmesser 1018 hPa | | NOSIG | Keine signifikante Änderung in den nächsten 2 Stunden erwartet |
Das ist ein perfekter VFR-Tag. Wind beherrschbar, Sicht 10+ km, nur "wenige" tiefe Wolken, große Taupunktdifferenz, stabiles QNH. Go.
Jetzt entschlüsseln wir jedes Feld richtig.
Wind: woher, wie stark und Böen
24008KT — Wind aus 240° rechtweisend (also Süd-Südwest, da 360° = Nord) mit konstant 8 Knoten.
Varianten, die Du sehen wirst:
VRB05KT— wechselnde Richtung mit 5 kt (leichter Wind, keine klare Peilung)27015G25KT— aus 270° mit 15 kt, Böen bis 25 kt27015KT 240V300— aus 270° mit 15 kt, schwankend zwischen 240° und 300°
Für einen UL-Piloten zählt der Böenfaktor am meisten. Ein konstanter Wind von 8 kt ist ein Nicht-Ereignis; ein 8G18-Wind bedeutet echte Schläge. Die allgemeine "go/no-go"-Schwelle für einen unerfahrenen UL-Piloten:
- Windgeschwindigkeit: ≤15 kt konstant
- Böenspanne: ≤7 kt (z. B. 10G15 ist OK, 10G20 ist Grenzbereich)
- Seitenwindkomponente: innerhalb des nachgewiesenen Maximums der Zelle
Für die Tecnam P92 Echo MkII liegt der nachgewiesene Seitenwind bei 16 kt, also ist ein 90°-Seitenwind aus 27015KT auf einer Bahn 18/36 an der Grenze, aber fliegbar. Berechne den Seitenwind als Windgeschwindigkeit × sin(Winkelversatz_zur_Bahn).
Sichtweite: die wichtigste Zahl
9999 = 10+ km. Das ist die obere Grenze dessen, was ein METAR meldet.
Reale Sichtwerte, die Du sehen wirst:
9999— 10+ km, perfektes VFR8000— 8 km, gutes VFR5000— 5 km, VFR-Minimum in den meisten Lufträumen1500— 1,5 km, IFR-Bereich0500— 500 m, Low IFR; Flug nur für IR-berechtigte Piloten in IFR-zertifizierten Flugzeugen
Für UL/LSA-Flüge ist das gesetzliche Minimum typischerweise 5 km im unkontrollierten Luftraum und 1,5 km nur unter IFR-Bedingungen. Nationale Regeln variieren; prüfe Deine.
Liegt die Sicht zwischen 1,5 und 5 km, hängt das METAR einen Wettercode an, der erklärt, warum — BR (feuchter Dunst), FG (Nebel), RA (Regen), HZ (Dunst) usw.
Codes für Wettererscheinungen
Nach der Sichtweite kannst Du Wettererscheinungen sehen:
RARegen ·SNSchnee ·BRfeuchter Dunst ·FGNebel ·HZDunstTSGewitter ·SHSchauer (z. B. SHRA = Regenschauer)- Intensität:
+RAstarker Regen ·-RAleichter Regen ·RAmäßig - Nähe:
VC(in der Nähe, innerhalb von 8 km, aber nicht am Platz)
Für VFR-Piloten sind TS, +TSRA, +SN, FG go/no-go-Flaggen. Leichter Regen (-RA) ist für VFR meist in Ordnung; starker Regen (+RA) geht oft mit reduzierter Sicht und reduzierter Triebwerksleistung einher. Gewitter — niemals innerhalb von 20 nm.
Wolken: Schichten, Typen, Wolkenuntergrenze
Wolkengruppen haben einen Bedeckungscode + Höhe in Hundert Fuß AGL:
SKC— wolkenlos, keine Wolken (selten im METAR; meist von automatischen Stationen)FEW010— wenige Wolken (1/8 bis 2/8 Wolkenbedeckung) in 1.000 ftSCT025— aufgelockert (3/8 bis 4/8) in 2.500 ftBKN040— durchbrochen (5/8 bis 7/8) in 4.000 ftOVC080— bedeckt (8/8) in 8.000 ft
Die Wolkenuntergrenze ist die unterste BKN- oder OVC-Schicht. Ein BKN015-METAR bedeutet, die Wolkenuntergrenze liegt bei 1.500 ft AGL — Deine VFR-Höhe ist eingeschränkt, und Du hast in vielen Lufträumen möglicherweise keinen legalen VFR-Wolkenabstand.
Für UL-Piloten, die typischerweise auf 1.500–3.000 ft AGL fliegen:
FEWundSCTab 4.000 ft = kein ProblemBKN030= praktische Wolkenuntergrenze bei ca. 3.000 ft, Platz zum DrunterfliegenOVC020= Wolkenuntergrenze bei 2.000 ft, IFR-Bedingungen für die meisten VFR-Piloten
Temperatur und Taupunkt: die Spread
17/09 — Luft 17 °C, Taupunkt 9 °C, Spread von 8 °C.
Die Taupunktdifferenz zwischen Temperatur und Taupunkt ist der Indikator für Nebelrisiko:
- Spread > 5 °C: stabil, kein Nebelrisiko in den nächsten 2 Stunden
- Spread 2–5 °C: sichtbare Feuchtigkeit (Dunst, möglicher Nebel bei nächtlicher Abkühlung)
- Spread < 2 °C: Nebel unmittelbar bevorstehend (innerhalb von ca. 15 Minuten)
- Spread = 0 (z. B.
17/17): Nebel bereits vorhanden
Negativer Taupunkt + niedrige Temperatur = Vereisungsrisiko. M02/M05 (minus 2 °C / minus 5 °C) bedeutet, dass strukturelle Vereisung möglich ist, wenn Du in Wolken einfliegst. UL-Piloten, die VFR bei Tag fliegen, vermeiden das in der Regel; das ist Sache eines IFR-Piloten.
QNH: die Höhenmessereinstellung
Q1018 — stell Deinen Höhenmesser auf 1018 hPa, um die veröffentlichte Platzhöhe korrekt abzulesen.
Manche Länder veröffentlichen in inHg (Q vs. A): A2992 bedeutet 29.92 inHg. Die Umrechnung: 1 inHg = 33,86 hPa.
Das QNH ist das, was Du beim Abflug oder bei der Ankunft an diesem Flughafen einstellst. Für Steigflug und Streckenflug oberhalb der Übergangshöhe wechselst Du auf den Standarddruck 1013 hPa (29.92 inHg).
NOSIG, BECMG, TEMPO
Nachgestellte Codes beschreiben erwartete Änderungen:
NOSIG— keine signifikante Änderung in den nächsten 2 StundenBECMG 1418 27015KT— Wind wird zwischen 14:00 und 18:00 auf 270/15 wechselnTEMPO 1216 -RA BKN030— vorübergehende Periode (weniger als 1 Stunde) zwischen 12:00 und 16:00 mit leichtem Regen und durchbrochenen Wolken in 3.000 ft
Für VFR-Piloten sind TEMPO-Einträge die Warnflaggen — auch wenn die aktuellen Bedingungen passen, können Dich die vorübergehenden Erscheinungen unterwegs erwischen.
Die 4 Felder, die 90 % der VFR-Entscheidungen treiben
In Reihenfolge der Priorität:
- Sichtweite — ist sie ≥ gesetzliches Minimum + Komfortmarge?
- Wind (besonders Böenfaktor) — innerhalb der Zellen- und Pilotennachweise?
- Wolkenuntergrenze (unterste BKN/OVC) — kann ich sicher darunter oder darüber fliegen?
- Wettererscheinungen — TS, +RA, SN, FG vorhanden oder in der Nähe?
Sind alle vier grün, ist der Rest des METAR Detail. Ist nur eines rot, ist es ein no-go, egal wie gut die anderen aussehen.
Wie Du METAR in der Streckenplanung nutzt
Voliqos Planner zieht METARs für Deinen Abflug, Zwischenstopps und Dein Ziel. Die Meldung jeder Station erscheint neben dem Flughafen auf der Karte und in der Streckenzusammenfassung. Bei mehrstreckigen Routen prüfe das METAR jeder Station — ein Abflug bei schönem Wetter in ein grenzwertiges Ziel ist die häufigste Pilotenfalle.
Mehr zu TAFs (Vorhersagen vs. aktuelle Berichte) im nächsten Beitrag dieser Serie, TAF entschlüsseln.
Fazit
Ein METAR ist dicht, aber nicht kompliziert. Übe eine Woche lang täglich an drei oder vier echten Stationen, und Du liest sie schneller als Deine Morgens-WhatsApp-Nachrichten. Die Vier-Felder-Heuristik — Sichtweite, Wind, Wolkenuntergrenze, Wettererscheinungen — bringt Dich zu 90 % an eine go/no-go-Entscheidung; der Rest ist Detail.
Für VFR-Piloten gilt die Disziplin: Lies das METAR, bevor Du das Hangartor öffnest, nicht danach.