Ausweichflugplätze: die Kunst der zweiten Wahl
Wenn Du einen Flug planst, baut Dein Kopf eine Geschichte: hier abfliegen, dort hinfliegen, landen. Das Problem mit Geschichten ist, dass die Welt beim Ende nicht immer mitspielt. Das Ziel könnte bei Deiner Ankunft geschlossen sein, das…
Wenn Du einen Flug planst, baut Dein Kopf eine Geschichte: hier abfliegen, dort hinfliegen, landen. Das Problem mit Geschichten ist, dass die Welt beim Ende nicht immer mitspielt. Das Ziel könnte bei Deiner Ankunft geschlossen sein, das Wetter könnte zusammenbrechen, die Bahn könnte unbrauchbar sein, die Tankanlage könnte defekt sein. Piloten, die diese Szenarien im Voraus einplanen — und vor dem Start einen echten Ausweichflugplatz festlegen — fliegen lange Karrieren. Piloten, die das nicht tun, sind diejenigen, die gelegentlich auf einem Acker landen. Das ist der praktische Leitfaden.
Wann Ausweichflugplätze gesetzlich vorgeschrieben sind
Die gesetzlichen Anforderungen unterscheiden sich nach Flugregeln:
- Tag-VFR: Alternate in den meisten Rechtsgebieten gesetzlich nicht vorgeschrieben. Empfohlen, aber optional.
- Nacht-VFR: Alternate oft vorgeschrieben (variiert je nach Land)
- IFR: Alternate erforderlich, wenn das Zielwetter unter bestimmte Mindestwerte fällt
Speziell für IFR besagt die 1-2-3-Regel (FAA) oder ihr EASA-Äquivalent: Reiche einen Alternate ein, wenn die Zielwettervorhersage innerhalb von 1 Stunde um die ETA eine Hauptwolkenuntergrenze unter 2.000 ft AGL oder eine Sicht unter 3 sm zeigt.
Für UL-/LSA-Piloten im Tag-VFR lautet die juristische Antwort „kein Alternate erforderlich". Aber das ist nur das gesetzliche Minimum — nicht die kluge Praxis.
Die Regel des vorsichtigen VFR-Piloten
Auch wenn ein Alternate gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, plane trotzdem einen, sobald eine der folgenden Bedingungen zutrifft:
- Das Ziel ist ein abgelegener Flugplatz ohne Tankmöglichkeit
- Die Wettervorhersage (TAF) zeigt grenzwertige Bedingungen in Deinem Ankunftsfenster
- Die Strecke führt über Wasser, Gebirge oder Gelände mit wenigen Ausweichmöglichkeiten
- Du warst noch nie zuvor am Zielort
- Der Flug dauert länger als 2 Stunden
- Du fliegst kurz vor Sonnenuntergang und das Ziel ist unkontrolliert
Für UL-Piloten auf einem 200 km langen Überlandflug zu einer unbekannten Graspiste ist eine asphaltierte Bahn als Alternative 30 km entfernt der Unterschied zwischen „einfacher Umleitung" und „unangenehmer Improvisation".
Wie Du einen Ausweichflugplatz auswählst
Fünf Kriterien, in der Reihenfolge ihrer Priorität:
- Erreichbar: innerhalb der Kraftstoffreichweite ab Deinem Entscheidungspunkt am Ziel, mit intakten Reserven
- Wetter: Vorhersage besser als am Ziel, idealerweise mit einer vollen Stufe Marge bei Wolkenuntergrenze und Sicht
- Bahn: lang genug, Belag passend zu Deinem Flugzeug, verfügbar 24/7 (oder während Deines ETA-Fensters)
- Dienste: Tankmöglichkeit, Befeuerung (bei Nacht), Pilotenanlagen (falls Du dort übernachten musst)
- Vertraut: Du warst schon dort, oder Du hast Karte und Verfahren studiert
Für VFR-Alternates erfüllt ein kleiner kontrollierter Flugplatz 15–30 nm vom Ziel meist alle fünf Kriterien. Für IFR-Alternates brauchst Du einen vollständigen Instrumentenanflug und Wetter über den veröffentlichten IFR-Mindestwerten des Alternates.
Das Denkmodell „was mich umbringt, wenn X versagt"
Eine nützliche Übung vor dem Flug: Geh die Versagensmuster Deines Ziels in dieser Reihenfolge durch:
- Wetter schließt: Wolkenuntergrenze fällt unter VFR-Mindestwerte oder Sicht unter Deine persönlichen Minima
- Bahn schließt: NOTAM, Unfall, Schnee, Bauarbeiten
- Kraftstoff nicht verfügbar: Pumpe defekt, Tankwart nicht am Platz, falsche Kraftstoffsorte
- Platz geschlossen: Nacht, Feiertag, Sperrung
- Technisch: Fahrwerks-/Bremsproblem, das sich erst bei der Ankunft zeigt
Frage Dich für jeden Fall: „wenn das 30 min vor der Landung passiert, kann ich auf einen Alternate ausweichen, den ich bereits festgelegt habe?". Wenn die Antwort bei einem Punkt nein lautet, hast Du keinen echten Ausweichplan. Wähle ein anderes Ziel oder einen echten Alternate.
Für eine Tecnam P92 Echo MkII auf einem 200 km langen Überlandflug zu einer kleinen Graspiste sollte die Antwort auf „was, wenn mein Ziel geschlossen ist" lauten: „ich habe einen asphaltierten Alternate 25 km entfernt mit Tank und Tower" — nicht „ich werde es schon hinbekommen".
Entfernung vom Hauptziel zum Ausweichflugplatz
Zwei konkurrierende Überlegungen:
- Näher ist besser (weniger Kraftstoff für die Umleitung nötig)
- Anderes Wetter ist besser (unabhängige Wettersysteme bedeuten weniger Korrelation zwischen Ausfällen am Hauptziel und am Alternate)
Ein kleiner Alternate 5 km vom Hauptziel ist großartig für den Kraftstoff, aber nutzlos, wenn beide dasselbe Wetter haben. Ein wettermäßig unabhängiger Alternate 50 km entfernt erfordert mehr Kraftstoffreserve.
Der Kompromiss für VFR: 20–30 km entfernt, idealerweise auf einer anderen Geländeseite (z. B. Hauptziel im Tal, Alternate an der Küste). Für IFR: Die Mindestentfernung für unabhängiges Wetter beträgt in stabilen Luftmassen etwa 50 nm, in instabilen mehr.
Kraftstoffreserve bei Alternate-Planung
Wenn Du Kraftstoff für einen Alternate mitführst, sieht die Rechnung so aus:
- Kraftstoff bis zum Ziel: Zeit × Reiseverbrauch
- Kraftstoff zum Alternate ab dem Ziel: Zeit × Reiseverbrauch (Worst-Case-Kurs annehmen)
- Endreserve: 30 min VFR / 45 min IFR bei Reiseverbrauch
Eine typische IFR-Kraftstoffrechnung für einen Überlandflug:
- 150 nm bis zum Ziel: 50 min × 17 l/h = ~14 l
- 30 nm zum Alternate ab dem Ziel: 10 min × 17 l/h = ~3 l
- 45 min IFR-Reserve: ~13 l
- Benötigter Gesamtkraftstoff: ~30 l + Rollen + Steigflug (~5 l) = mindestens 35 l
Fasst Dein Tank 90 l, hast Du einen komfortablen Puffer von 55 l. Fasst er nur 50 l, wird es knapp. Plane entsprechend — oder wähle einen näheren Alternate.
Voliqos Alternates-Oberfläche
Im Planer zeigt der Abschnitt „Alternates" in der Nähe des Ziels Flugplätze innerhalb eines konfigurierbaren Entfernungsrings um Deinen letzten Wegpunkt. Die Voreinstellung ist 30 km, kann aber angepasst werden. Der Planer wählt Alternates folgendermaßen:
- Findet alle Flugplätze innerhalb des Entfernungsrings
- Filtert auf Flugplätze mit ausreichender Bahnlänge für Dein Flugzeug
- Sortiert nach Entfernung zum Ziel
- Zeigt die Top 4
Die Alternates enthalten keine automatischen Wetterdaten — es ist die Aufgabe des Piloten, METAR/TAF für die Kandidaten abzurufen und einen mit Wettermarge zu wählen. Voliqos Blogartikel zu TAFs erklärt, wie man sie liest.
Bei einem 200-km-Flug zu einer kleinen Piste schlägt der Planer vielleicht 4 Alternates innerhalb von 30 km vor. Du wählst denjenigen mit:
- Bester Bahn (asphaltiert > Gras für Notausweichlandungen)
- Vorhersage besser als am Ziel
- Während Deines ETA-Fensters verfügbaren Diensten
Wann Du eine Ausweichlandung erklärst
Die Entscheidung zur Umleitung ist kein Panikereignis — sie ist eine geplante Reaktion auf veränderte Bedingungen. Die mentalen Auslöser:
- Wetter: tatsächliche Bedingungen am Ziel fallen unter Deine persönlichen Minima (NICHT die gesetzlichen — Deine persönlichen)
- Kraftstoff: Du erreichst Deinen „Entscheidungs-Kraftstoff" (typischerweise Zielkraftstoff + Alternate-Kraftstoff + 30 min), bevor Du am Ziel bist
- Technisch: jedes Anzeichen, das Deine Sicherheitsmarge bei der Landung verringert
- Tageslicht: die späteste Landezeit rückt näher und die Bedingungen lassen keine Ankunft vor Sonnenuntergang zu
Wenn einer dieser Auslöser greift, erkläre die Umleitung früh — gegenüber ATC, wenn Du im Flight Following bist, in Deinem Kopf, wenn nicht. Plane sofort auf den Alternate um. Flieg nicht weiter auf ein sich verschlechterndes Ziel zu, „um zu sehen, ob es besser wird" — so landen Piloten am Ende mit 5 Minuten Restkraftstoff.
Was ein Ausweichflugplatz NICHT ist
Eine häufige Falle für Piloten: den nächstgelegenen Flugplatz zum Ziel als „Alternate" zu behandeln. Liegen beide im selben Wettersystem, fallen beide gleichzeitig aus. Der Alternate muss wettermäßig unabhängig sein, um ein echter Alternate zu sein.
Ähnlich gilt: Hat Dein Alternate dieselben Betriebszeiten, dieselben NOTAMs oder dieselbe Tankanlage wie das Hauptziel, ist er kein echter Alternate. Unabhängigkeit ist es, was einen Alternate funktionieren lässt.
Fazit
Ausweichflugplätze sind keine Papierübung — sie sind die billigste Versicherungspolice der Luftfahrt. Für VFR-Piloten ist das Planen eines Alternates optional, aber für jeden Flug außerhalb der Platzrunde dringend empfohlen. Für IFR-Piloten ist die gesetzliche Anforderung nur das Minimum — echte Alternates haben Marge in Entfernung, Wetter, Bahn und Diensten.
Die Disziplin: Vor jedem Überlandflug benenne Deinen Alternate laut. Prüfe sein Wetter, seine Bahn, seine Tankverfügbarkeit. Hab ihn auf Papier oder auf dem Tablet. Wenn Du keinen mit Überzeugung benennen kannst, bist Du nicht bereit, den Flug zu fliegen.